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Der lustige Kirmesbruder – Teil 7

Oskar Ludwig Bernhard Wolff
Der lustige Kirmesbruder
welcher durch listige Ränke auf den Kirmessen die Bauern und andere Personen unterhalten und vergnügt gemacht hat

Sechste Kirmes

Wie sich der lustige Kirmesbruder für einen Doktor ausgibt und viel Abgang findet

Einstmals war ich in der Stadt gewesen und hatte dort auf der Straße ein Päckchen gefunden, in welchem vier Pulver waren. Auf den beiden ersten derselben stand geschrieben: »Larierpulver, wovon das eine abends und das andere früh einzunehmen ist.« Auf den beiden Übrigen stand: »Brechpulver, alle zwei Stunden eines zu gebrauchen und warmes Wasser danach getrunken.« Diese Pulver brachten mich auf den Einfall, bei der nächsten Kirmes als ein Doktor zu erscheinen. Ich machte mich also darauf gefasst und reiste nach Heilfeld. Vorher aber hatte ich allerhand Pulver, Tropfen und Pillen zubereitet. Das Pulver machte ich aus Asche und Kreide, desgleichen auch aus Ziegel­mehl, und so bekam ich denn zweierlei Arten desselben, graues und rotes, wovon ich jedes in besondere Papiere einpackte. Die Tropfen verfertigte ich aus Branntwein, Wasser und ausgedrück­tem Wermutsaft; zu einigen derselben nahm ich auch etwas Pflaumenmus, welches ich mit Wasser übergoss, damit es flüssig wurde. Die Pillen fielen mir am leichtesten zu bereiten, denn ich nahm Schaflorbeeren und tat sie in einen Topf. Hierauf legte ich noch einige Blättchen Silber hinein, schüttelte es um und versilberte auf diese Weise die Pillen. Nachdem ich nun einen ziemlichen Vorrat von Arzneien bereitet hatte, begab ich mich mit meinem Ranzen, nebst zwei lustigen Reisegefährten, geradeswegs nach Heilfeld in die Schenke und packte dort meinen Kram ein wenig aus.

Als der Wirt meine Sachen sah, kam er zu mir und sprach: »Er ist wohl gar ein Doktor?«

»Ja, mein Freund«, antwortete ich.

Da sprach er weiter: »Wenn die Sache so ist, so kann er hier bleiben. Er wird alle seiner Arzneien los.«

»Gut!«, erwiderte ich und ließ mir schon im Voraus gut zu essen und zu trinken auftragen, um den Wirt in Nahrung zu setzen und dann von meinem Gewinn zu bezahlen. Es wurde in dem Dorf bald bekannt, dass ein Doktor angekommen wäre, und man nannte mich nur schlechtweg den Ranzendoktor. Jung und Alt versammelte sich nun in der Schenke, und ich fing alsbald an, meine Arzneien anzupreisen. Von meinem grauen Pulver gab ich vor, dass es bei Kindern wider die Würmer gut sei, und dass es auch Männern und Frauen, wenn sie es einnehmen, den Wurm aus dem Kopf ganz sicher vertreibe. Ferner rühmte ich von demselben, dass es gut sei wider die Verstopfung der Leber, wider Leibesschmerz, Seitenweh, Engbrüstigkeit, kurzen Atem und wider die Unreinigkeit der Haut. Mein rotes Pulver, sagte ich, vertriebe das Fieber, wäre gut wider das Sodbrennen, heilte den Durchfall, beseitigte die Krätze und die Geschwulst des Leibes, nur aber die Geschwülsten bei Frauen und Jungfrauen nicht, die von den Stacheln der Bienen entstanden wären. Meine Tropfen riet ich an wider den Magenkrampf, Rückenreißen, Herzklopfen, Kopfschmerzen, rote Ruhr und andere Bauchflüsse. Meine Pil­len hingegen gab ich für ein vortreffliches Lariermittel aus. Mit ungemeiner Aufmerksamkeit hörten mir die Anwesenden zu, und ich hatte einen ziemlich starken Abgang, zumal da ich von solchen herrlichen Arzneimitteln insgesamt jedes Päckchen nur um zwei Groschen verkaufte. Mit den Pillen ereignete sich unter anderem ein ganz besonderer Zufall. Während ich nämlich dieselben vorzeigte und den Anwesenden anpries, hörte der Hofknecht Hans mit außerordentlicher Aufmerksamkeit meinen Worten zu. Dabei hatte derselbe eine ganz bequeme Stellung angenommen, indem er sich mit beiden Händen, die sein schweres Haupt hielten, auf den Tisch gelegt und das Maul so weit als möglich aufgesperrt hatte, um die Sache recht einzunehmen. Sobald ich das bemerkte, besann ich mich darauf, dass ich in meinem Ranzen einen vortreff­lichen Pferdeapfel hätte, aus welchem ich eine niederschlagende Arznei hatte machen wollen. Während ich nun die Pillen vorzeigte und Hans so genau zusah und mir zuhörte, warf ich jenen Apfel nach seinem Mund und traf auch denselben genau, sodass er sogleich hineinflog. Hans, der sich einbildete, es wäre eine versilberte Pille, und glaubte, dass mir dieselbe von Ungefähr aus der Hand gefahren wäre, zerbiss sie geschwind in etliche Stücke und verschluckte sie begierig. Hierauf entfernte er sich alsbald, da er wohl denken mochte, dass ich, wenn ich es gewahr würde, von ihm eine Bezahlung dafür verlangen könnte. Nachdem ich nun meine Rede beendet und dabei viele Pakete verkauft hatte, setzte ich mich wieder an meinen Tisch und ließ mich herrlich bewirten. Gegen den Abend hin wurde ich zu einer Frau gerufen, der ich das Wasser besehen und aus demselben wahrsagen musste. Ich prophezeite ihr einen baldigen Tod, weil sie viele Unreinigkeiten im Leib hätte. Doch sagte ich ihr auch, sie könne noch genesen, wenn jener Unrat durch ein Brechmittel aus dem Leib entfernt würde. Ich gab ihr deshalb die Brechpulver, mit der Verordnung, dass sie dieselben früh einnehmen und warmes Wasser darauf trinken sollte. Die Patientin befolgte meinen Rat; da sie sich jedoch einbildete, dass sie dabei nicht herumge­hen dürfte, sondern im Bett liegen müsste, so tat sie das Letztere und deckte sich gut zu. Inzwischen tat das Brechmittel seine Wirkung, die sich sowohl von oben her äußerte, sodass der ganze Überzug, ehe die Frau das Bett verlassen konnte, vollgespien wurde, als auch nach unten dergestalt sich zeigte, dass das ganze Bett aussah, als ob es mit gelbem Lack überzogen wäre. Die Patientin befand sich darauf ganz wohl und hatte mich all ihren Bekannten aufs Beste empfohlen. Ich musste deshalb diesen ganzen Tag mit meiner Ware mich wieder in der Schenke ausstellen, und hatte noch weit stärkeren Abgang als vorher. Unter anderen verlangte mich auch eine Frau zu sprechen, die mich um ein Mittel zum Schwitzen bat. Es befand sich nun zwar unter meinen Arzneien nichts, das sich nach meiner Einsicht zum Schwitzen geeignet hätte; indes besann ich mich sehr bald und gab ihr die beiden Larierpulver, nachdem ich dieselben vorher in andere Papiere getan und darauf geschrieben hatte: Schwitzpulver; denn ich dachte, wenn es nur auswendig darauf stände, was es sein sollte, so wäre es schon genug und würde seine Wir­kung nicht verfehlen. Hierbei verordnete ich, dass die Patientin Tee danach trinken, sich dann ins Bett legen und warm zu­decken sollte. Nachdem sie nun eine kurze Zeit gelegen hatte, fing die Purganz an zu wirken und die Patientin musste daher, weil die Büchse losgehen wollte, über Hals und Kopf aus dem Bett eilen. Indes begegnete ihr dabei doch der widerwärtige Zufall, dass sie unterwegs schon abladen musste, etwa wie der Drache, wenn man unter die Wagenachse kriecht und ihn zur Entledigung von seiner Bürde nötigt.

An eben demselben Tage besuchte ich alle meine Patienten, nicht sowohl aus Pflicht, sondern vielmehr, da es Kirmes war, um gelegentlich bei denselben zu schmausen. Als ich nun auch zu meiner Schwitzerin kam, erzählte sie mir mit wehmütiger Stimme, was ihr widerfahren wäre. Ich griff ihr mit einer geheimnisvollen Miene an den Puls, suchte sie dann zu beruhigen und sagte, dass sie das nächste Mal schwitzen würde, gegenwärtig aber hätte die Arznei nicht anders wirken können, doch sei daran nicht diese selbst, sondern ihr Körper schuld, denn es wären dabei viele Unreinigkeiten im Magen angetroffen wor­den, die meine Arznei durchaus nicht leiden könnte. Nachmittags verkaufte ich noch den ganzen Rest von meinen Arzneien; indes wusste ich mir sofort wieder andere zu verschaffen. Auf einem Spaziergang nämlich hatte ich hinter dem Dorf einen toten Hund gefunden. Diesen schnitt ich auf, nahm von ihm das Fett, zerteilte dasselbe in kleine Stückchen und gab es für Gemsenfett aus, mit dem Vorgeben, dass ich dasselbe aus Steiermark und Tirol bekommen hätte. Die Tugenden dieses Gemsenfettes sollten nach meinen Angaben hauptsächlich darin bestehen, dass es, wenn man mit demselben den Rücken bestriche, wider das Reißen gut wäre, und wenn es hinter die Ohren geschmiert würde, das Sausen und Brausen derselben wegnähme. Auch diese Arznei fand nach meinen Anpreisungen viele Liebhaber und häufigen Abgang. Da wurde ich unter anderen auch noch zuletzt zu einer Hofmeisterin gerufen, die sehr oft mit Mutterbeschwerden geplagt war. Ich setzte derselben ein Klistier. Da ich jedoch vermu­ten konnte, dass mir hier meine Mühe nicht zum Besten belohnt werden mochte, zumal da ich wusste, dass der Hofmeister ein sehr grober und handfester Mann war, und da überdies nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur Undank der Welt Lohn ist, so verließ ich diese Patientin und zugleich das Dorf so bald als möglich.

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