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Das Grab einer Unbekannten

Das Grab einer Unbekannten

Im Schatten ehrwürdiger Bäume auf dem Friedhof der St. Paul’s Episcopal Church in Alexandria, Virginia, liegt ein Grab, das seit mehr als zwei Jahrhunderten ein Geheimnis hütet. Auf einem steinernen Denkmal, schlicht und doch von erhabener Schwere, steht geschrieben: Zur Erinnerung an eine fremde Frau, deren irdischer Leidensweg am 14. Oktober 1816 endete. Weder Name noch Herkunft werden verraten – nur das Echo einer Liebe und einer untröstlichen Trauer verweilt hier.

Der Stein, den ihr Mann mit unermesslichem Schmerz errichten ließ, erzählt von einer letzten, hingebungsvollen Umarmung, in der die junge Frau ihren letzten Atemzug tat. Wie geliebt, wie geschätzt du einst warst, nützt dir jetzt nichts mehr. Mit wem du verwandt warst, von wem du gezeugt, ein Haufen Staub bleibt allein von dir – diese ernüchternden, von der Endgültigkeit des Todes durchdrungenen Zeilen mahnen die Lebenden zur Demut.

Ein Gedicht des Dichters Alexander Pope ziert das Grab, daneben stehen Worte aus der Apostelgeschichte: »Alle Propheten haben ihn bezeugt, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen«. Doch trotz dieser Hinweise blieb die Identität der geheimnisvollen Frau verborgen, ihr Leben ein Rätsel, das bis heute die Fantasie beflügelt.

Im Herbst 1816 legte ein Schiff aus Westindien im Hafen von Alexandria an. Unter den Passagieren befand sich ein vornehmer englischer Gentleman mit seiner bezaubernden jungen Frau. Doch das Paar war nicht auf einer glücklichen Reise – die junge Frau war schwer an Typhus erkrankt. Eilig mieteten sie ein Zimmer über der Taverne Bunch of Grapes, wo der besorgte Ehemann mit der Hilfe eines Arztes alles tat, um ihr Leben zu retten.

Die Beschreibungen der mysteriösen Frau sind vage. Einige sprechen von einem blassen, makellosen Teint und dunkelblonden Haaren, andere behaupten, sie habe stets einen Schleier getragen, um ihre Krankheit vor neugierigen Blicken zu verbergen. Wochenlang rang sie mit dem Tod, bis sie nach zehn qualvollen Wochen starb. Sie soll in den Armen ihres Mannes gestorben sein – oder, wie romantischere Erzählungen behaupten, bei einem letzten innigen Kuss.

Nach ihrem Tod sah sich der Ehemann gezwungen, sich von lokalen Händlern große Summen zu leihen, um die Bestattungskosten zu decken. Mit unermesslicher Hingabe versiegelte er eigenhändig ihren Sarg und verbarg ihn vor der Welt. Ein steinerner Tisch mit sechs Beinen wurde als Denkmal für sie errichtet.

Der Legende nach besuchte der trauernde Ehemann jedes Jahr das Grab, bis er zwölf Jahre später plötzlich verschwand. Jahre vergingen, bis angebliche Verwandte aus der britischen Oberschicht auftauchten und einen prächtigeren Grabstein errichten ließen. Doch auch sie kehrten nie zurück.

Im Laufe der Zeit rankten sich viele Geschichten um das Grab. Ein Artikel aus dem Jahr 1836, geschrieben von einer Kolumnistin namens Lucy Seymour, erregte das Interesse der Nation. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei um das Pseudonym von Susan Rigby Dallam Morgan handelte, die bereits zuvor in der ALEXANDRIA GAZETTE über das Grab berichtet hatte. Ihre poetische Darstellung des Mysteriums schien mehr Fantasie als Fakten zu enthalten.

In einem Bericht von 1848 wird erstmals der Name des Ehemannes erwähnt: Clermont. Er sei in tiefer Trauer gewesen und bereit gewesen, die unvorstellbare Summe von 1500 Dollar für das Denkmal zu bezahlen – angeblich mit Falschgeld, was zu seiner Verhaftung führte. Spätere Berichte, darunter ein Artikel aus Chicago aus dem Jahr 1886, behaupteten, das Paar habe im berühmten City Hotel übernachtet, das heute als Gadsby’s Tavern bekannt ist. Eine Zeitung aus Missouri zeichnete 1887 ein noch dramatischeres Bild: Die Frau, eine üppige Blondine, sei in einer leidenschaftlichen Umarmung gestorben, bevor ihr Mann in einer dunklen Nacht zurückgekehrt sei, um ihre Leiche aus dem Grab zu stehlen.

Die wohl ausführlichste Version erschien 1913 im LADIES HOME JOURNAL. Darin hieß es, das Paar habe in Neuschottland ein Schiff bestiegen, um in die Karibik zu reisen, sei aber wegen der Krankheit der Frau in Alexandria an Land gegangen. Sie habe sich stets verschleiert und sei in Gadsby’s Tavern gestorben, deren Eingangstür mit einer Weintraube geschmückt war. Gerüchten zufolge spukt ihr Geist noch heute in dem alten Gemäuer.

Doch trotz all dieser Geschichten gibt es keine handfesten Beweise für die Existenz des geheimnisvollen Paares. In Gadsby’s Tavern gibt es keine Aufzeichnungen aus dem Jahr 1816, und das Grab mit seinem steinernen Denkmal ist das einzige Zeugnis dieser tragischen und rätselhaften Geschichte. Wer das Geheimnis lüften will, kann noch heute den stillen Friedhof besuchen – und vielleicht im Flüstern der Bäume die Antwort erahnen.

Quelle:

jasonrobertsonline.com

(wb)