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Der Detektiv – Band 28 – Das Rätsel des Indischen Ozeans – Teil 4

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 28
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zweite Geschichte des Bandes
Das Rätsel des Indischen Ozeans

Teil 4

Auf der Straße erklärte Harst dann: »Merke dir eins, mein Alter. Lydia Faringdall parfümiert sich stark. Das dürfte wichtig sein. Das Parfüm, das sie benutzt, ist eins, das nur auf Ceylon aus den Blüten des Kletterstrauches Salingia hergestellt wird. Nicht jedem behagt ein so süßlicher Duft. Wir werden jetzt dem hiesigen Polizeichef unsere Aufwartung machen. Ich möchte mir das Tuch ansehen und noch einiges über den Polizeihund fragen, der in diesem Fall immer nur die Fährte des Ermordeten aufnahm. Wenn das, was ich mir über Campells Tod jetzt zurechtgelegt habe, noch weiter als die wahrscheinlichste Lösung durch neue Tatsachen erhärtet wird, dann gewinnt alles ein anderes Aussehen: unsere Gefangennahme, der Mord und auch das Rätsel des Indischen Ozeans.«

»Ein anderes Aussehen?«, meinte ich erstaunt. »Also ist die Inschrift auf der Karte doch vielleicht gar nicht vorhanden gewesen?«

»Oh … das schon! Nur … nur … doch nein, ich kann noch nicht darüber sprechen. All das sind nur völlig haltlos in der Luft hängende Vermutungen. Ich könnte dich nur genau so unsicher hinsichtlich der Beurteilung dieses unseres jetzigen Falles machen, wie ich selbst es bin. Erweist sich etwas als falsch, dann begreife ich nichts mehr – nichts! Dann fehlt jedes Motiv für die nachfolgenden beiden Ereignisse: für die drohende Inschrift und unsere Überrumpelung.«

»Ah!«, meinte ich schnell. »Du hast dich jetzt verraten. Das, was sich als falsch erweisen könnte, was du also schon anzweifelst, ist der Mord!«

»Nun gut. Du hast recht, mein Alter. Wenn festgestellt würde, dass Thugs hier nicht infrage kämen, dann können ja auch nicht Thugs die Inschrift als Drohung für Wolpoore verfasst haben, denn wie soll wohl darin von einem gleichen Schicksal wie das Campells die Rede sein, wenn dieser nicht ermordet worden ist, sondern …«

Ich konnte jetzt nicht länger schweigen. »An einen Selbstmord denkst du?«, rief ich fast zu laut für eine öffentliche Straße. »Aber das ist doch unmöglich! Wo wird sich jemand erdrosseln, der freiwillig aus dem Leben scheiden will.«

»Ganz recht. Diese Art des Selbstmordes ist es auch, die mir nicht zusagt. Lassen wir das jetzt alles. Erst muss ich noch den Polizeidirektor sprechen.«

Im Polizeigebäude gab es wieder allerlei Schwierigkeiten, bevor Master Allan Tompsen die Gnade hatte, zwei Kulis in einer sehr wichtigen Angelegenheit selbst anzuhören.

Des Polizeidirektor maßlos erstauntes Gesicht entlockte mir ein Lächeln, als Harst dann seinen Namen nannte. Die Kulis waren nun plötzlich hochwillkommene Gäste, wurden in zwei Korbsessel genötigt und mussten eine tadellose Zigarre annehmen.

»Master Harst«, erklärte Tompsen strahlend, »Sie sollen alles wissen – alles. Fragen Sie nur! Ah, das Seidentuch möchten Sie sehen, mit dem Campell erdrosselt wurde? Ich lasse es sofort bringen. Auch den Stock, mit dem die Schlinge zugedreht worden war? Gut, auch den!«

Er telefonierte sogleich nach der Kriminalabteilung hinüber.

Dann fragte Harst ihn, ob der Polizeihund, der stets nur Campells Fährte aufgenommen hatte, schon öfters versagt hätte.

»Noch nie, Master Harst, noch nie! Hier geschah es zum ersten Mal. Es machte den Eindruck, als wäre am Tatort überhaupt nur diese eine menschliche Spur vorhanden, eben die des Ermordeten und dann die der beiden Eingeborenen, die Campell aufgefunden haben.«

»Was war Campell für ein Mensch, Master Tompsen? Er soll ein Trinker gewesen sein?«

»Trinker? Säufer war er! Aber einer von denen, die nie berauscht sind. Vor einem halben Jahr hatte er mal Delirium tremens. Er wurde damals auf der Straße nachts angetroffen, als er sich, nur mit dem Hemd bekleidet, an einem Laternenmast aufknüpfen wollte. Unser Polizeiarzt meinte, Campell litte an krankhaftem Selbstvernichtungstrieb. Im Übrigen war er ein sehr intelligenter Mensch. Durch seine Liebe zu einem hiesigen jungen Mädchen, die jetzt nichts mehr von ihm wissen will, ist er noch mehr aus dem seelischen Gleichgewicht geraten.«

Ein Beamter brachte nun das seidene Tuch und den Stock.

Harst hielt sich mit der Besichtigung der beiden Gegenstände nicht lange auf. Er schaute mich vielsagend an, sog die Luft prüfend durch die Nase ein und reichte mir das Tuch. Es war dies eines jener bunten, feinabgetönten Seidengewebe, wie sie hauptsächlich in den Städten Zentralindiens hergestellt werden. Ich spürte sofort dasselbe Parfüm, das auch Lydia Faringdall benutzte.

Harst brach dann sehr bald auf. »Master Tompsen«, sagte er zu dem liebenswürdigen Polizeichef, »ich glaube, dieser Mord und ebenso die Inschrift auf der Karte des Indischen Ozeans werden uns noch recht eigenartige Überraschungen bringen. Die Thugs, die hier an der Arbeit waren, sind Leute von besonderer Intelligenz, denen man nicht so leicht wird beikommen können.«

Diese allgemein gehaltenen Redensarten enttäuschten den Polizeidirektor sehr. »Ich hoffte, Sie würden uns helfen, die Leute zu suchen, Master Harst«, meinte er zögernd. »Können Sie mir nicht einen Rat geben, wie …«

Harst hatte ein Extrablatt des Madras Journal vom Tisch genommen und rief jetzt etwas unhöflich mitten in den Satz Tompsens hinein: »Ah … wenn es das wäre … das!«

Er legte das Extrablatt wieder hin, reichte dem Polizeidirektor die Hand und sagte in ganz anderem Ton als bisher, wobei sein Gesicht ebenfalls völlig verwandelt schien:

»Vielleicht fällt die Entscheidung jetzt schon in der nächsten Nacht! Oder spätestens bis morgen Mittag. Sie dürfte aber anders werden, als man nach dem bisherigen Tatsachenmaterial annehmen muss. Master Tompsen, ich bitte Sie nun sofort den Polizeihund mit einem Beamten uns voraus zu dem Gehölz vor der Stadt zu schicken. Auf Wiedersehen.«

Als wir nun im Eilschritt dem Westausgang der Stadt zustrebten, fragte ich Harst, welcher Art denn diese Entscheidung sein würde.

Seine lebhaften Augen hingen mit besonderem Ausdruck auf meinem Gesicht.

»Mein lieber Alter«, meinte er in jener frischen, angeregten Art, die bei ihm stets verriet, dass er sich dem erstrebten Ziel nahe wusste, »Du darfst es mir wirklich nicht verargen, wenn ich die neue Vermutung, die jetzt mir die wahrscheinlichste zu sein scheint, noch für mich behalte. Du kennst mich ja. Es ist eine Schwäche von mir, meine Trümpfe erst im letzten Moment aufzudecken, auch vor dir. Ich hoffe jetzt das Motiv entdeckt zu haben. Stelle ich noch zweierlei fest, dann hoffe ich nicht mehr, dann kenne ich es! Diese noch fehlenden Glieder der Beweiskette werden wir nun nacheinander einfügen, natürlich, wenn wir sie finden. Jetzt geht es zunächst zu dem Wäldchen, wo man Campell ermordete, oder besser, wo er sich selbst, sehr wahrscheinlich während eines neuen Anfalles von Delirium tremens und unter den Nachwirkungen des Streites mit seinem Nebenbuhler auf eine sehr seltene Weise ums Leben brachte, wobei ihm noch eine besondere Absicht vorgeschwebt haben mag. Ich bin jetzt schon überzeugt, dass hier lediglich ein Selbstmord vorliegt. Bedenke: Der Polizeihund nahm stets nur die Fährte des Toten auf. Dann: Das Seidentuch ist fraglos dasjenige, das Lydia Faringdall dem Detektiv Sheffring schenkte. Der Parfümgeruch beweist das zur Genüge. Wie sollten Thugs in Besitz dieses Tuches gelangt sein?! Nein, Thugs haben nichts mit dieser Sache zu schaffen. Ich nehme an, dass Campell, als er aus der Wohnung der Faringdalls davonstürmte, in Sheffrings Zimmer eingedrungen ist, das Tuch gestohlen und dann in momentaner Geistesverwirrung sich nach längerem Umherirren vor der Stadt nur deswegen mit dem Tuch erdrosselt hat, um Lydia Faringdall und Sheffring dadurch zu treffen, dass er gerade dieses Tuch zum Selbstmord benutzte. Die beiden sollten eben Gewissensbisse empfinden, dass sie schuld an seinem Tod seien. Es ist dies eine Art Rache über den Tod hinaus, die man einem Mann mit so zerrüttetem Nervensystem sehr wohl zutrauen kann. Wenn wir jetzt noch feststellen, dass Campell den Stock, mit dem er sich erdrosselte, auf dem Weg von seiner Wohnung zum Wäldchen, also auf der von dem Polizeihund festgelegten Spur, aus einem Busch herausgeschnitten hat, dann wirst auch du kaum mehr diese Theorie anzweifeln können. Tuch und Stock spielen für uns als Beweisstücke eine Hauptrolle.«

Ich konnte nur erwidern, dass ich nun schon seine Ansicht durchaus teile. Als wir das Palmengehölz erreicht hatten, war der Polizeibeamte mit dem Hund bereits dort. Der Hund, der die Spur schon mehrmals verfolgt hatte, arbeitete mit größter Sicherheit. Fünf Minuten darauf deutete Harst in einem anderen Wäldchen neben einem Dickicht auf den Boden, wo eine Menge Holzschnitzel im Gras lagen. Harst fand in Kurzem dann auch den Busch, aus dem der starke Ast herausgeschnitten worden war, der den Stock geliefert hatte.

Der Beamte mit dem Hund konnte nun entlassen werden. Diese Tatsache, dass der Stock auf dem Weg, den Campell von seiner Wohnung zu dem Palmengehölz zurückgelegt hatte, einem Busch entnommen war, musste jeden davon überzeugen, dass hier lediglich ein Selbstmord infrage kam. Trotzdem wollte Harst noch ein Übriges tun und nun noch Sheffring aufsuchen. Dieser wohnte in der Trafalgarstraße, einer der älteren Gassen des Europäerviertels. Drei Häuser vor der Wohnung Sheffrings lag das Gebäude, in dem Campell ein möbliertes Zimmer innegehabt hatte. Wir hatten Glück. Sheffring war daheim. Als seine Wirtin zwei schmierige Chinesen in sein Zimmer führte, war er nur einen Moment überrascht, schickte seine Wirtin dann hinaus und machte uns nun eine sehr höfliche Verbeugung.

»Ich habe bereits von meinem Kollegen Marbodly gehört«, sagte er leise, »dass die Herren Harst und Schraut Chinesenmasken tragen. Kann ich Ihnen, Herr Harst, irgendwie behilflich sein?« Er sprach das Deutsche recht fließend. Er machte einen sehr sympathischen Eindruck und war ein frischer, hübscher Mensch.

Harst reichte ihm die Hand. »Lieben Sie Miss Faringdall?«, fragte er direkt. »Sie brauchen nicht verlegen zu werden, Sheffring. Ich habe Miss Lydia versprochen, Sie von einem Verdacht zu reinigen, von dem Sie vielleicht noch nichts ahnen.«

Sheffring schoss das Blut ins Gesicht. »Wie sollte Lydia etwa argwöhnen, dass ich Campell ermordet habe?«, stieß er hervor. »Das wäre ja Wahnsinn, das …«

»Beruhigen Sie sich«, meinte Harst schnell. »Wo haben Sie das Seidentuch, das Miss Faringdall Ihnen geschenkt hat?«

Sheffring musterte Harst scharf. »Es liegt dort in meinem Schreibtisch. Mir scheint, Sie teilen Lydias Verdacht. Ich werde Ihnen das Tuch zeigen. Dann werden Sie wohl …«

»Aber Sheffring!«, unterbrach Harst ihn. »Lassen Sie doch solch törichte Reden! Ich …«

Sheffring hatte schon ein Schubfach aufgerissen, rief nun: »Ah – verschwunden! Seit vier Tagen bin ich nicht mehr an diesem Schubfach gewesen! Nie kam mir im Entferntesten der Gedanke, Lydia könnte annehmen, ich hätte Campell etwa aus Eifersucht mit ihrem Tuch, ihrem Geschenk, erdrosselt!«

Er war nun ganz verstört, der arme Mensch. Harst schlug ihm leicht auf die Schulter. »Seien Sie doch froh, dass Miss Lydia ein so reges Interesse an Ihnen nimmt, Sheffring. Sie hat genauso wie Lord Wolpoore an mich depeschiert, ich möchte ihr doch helfen. Und diese Hilfe sollte nichts anderes sein als die Rettung der Liebe, die sie für Sie empfindet. Sie ist ein gerader Charakter; sie wollte Ihnen nicht mehr gegenübertreten, bevor nicht jeder Verdacht von Ihnen genommen war.«

Sheffrings Gesicht hellte sich wieder auf.

»Sie können mir einen Gefallen tun«, fügte Harst hinzu. »Lassen Sie heute Abend um acht Uhr durch Lord Wolpoore alle Mitglieder von dessen Privatpolizei in einem Zimmer des Verwaltungsgebäudes versammeln. Auch Wolpoore soll dabei sein. Ich will dann verschiedene Vorschläge machen, wie wir die Thugs fangen können.« Die kleine Pause zwischen »die« und »Thugs« entging Sheffring.

Dieser wollte alles nach Harsts Wünschen erledigen. Er besorgte uns dann auch ein Mietauto, in dem wir nun nach der kleinen Tempelruine hinausfuhren, wo unsere Koffer noch unberührt auf dem Schutthaufen standen. Zum Erstaunen des eingeborenen Chauffeurs traten wir dann wieder als tadellos angezogene Europäer ins Freie.

Eine Stunde darauf stiegen wir im Hotel London am Hafen in Madras ab, nahmen ein gutes Diner ein und gingen kurz vor acht Uhr zu dem nahen Verwaltungsgebäude der Wolpoore’schen Plantagen hinüber.

Was Harst nun vorhatte, war mir noch völlig unklar. Desto gespannter war ich aber auch auf diese Versammlung, in der Harst Maßnahmen zum Fang der Mörder Campells vorschlagen wollte, der Mörder, die es gar nicht gab!

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